Tischtennis ist das schnellste Rückschlagspiel

20170407 – Von wegen nur an der Platte stehen. Wer ambitioniert Tischtennis spielt, kommt dabei ganz schön ins Schwitzen. Silke Stieglitz aus Harsefeld gehörte einst zu den besten Tischtennisspielerinnen der Region und spielt heute sogar bei den Männern mit. Silke Stieglitz hat etwas geschafft, das nur wenigen deutschen Tischtennisspielerinnen vergönnt ist: Die Harsefelderin ist einmal in die 1. Bundesliga aufgestiegen und hat dort Partien bestritten. In der deutschen Eliteliga haben die Vereine oft internationale Verstärkung aus China oder dem europäischen Ausland. 2001 gehörte Silke Stieglitz, damals unter ihrem Mädchennamen Jark, zum Zweitliga-Meister-Team des MTV Tostedt.

Heute spielt sie als einzige Frau in der Bezirksklasse an Position eins der Herrenmannschaft des TuS Harsefeld II und ist amtierende Senioren-40-Bezirksmeisterin. Wenn der Bruder Handball gespielt hätte, wer weiß, ob es die Tischtenniskarriere von Silke Stieglitz je gegeben hätte. So aber machte sich die damals achtjährige Harsefelderin aus Neugier mit auf den Weg zum Tischtennis, spielte erst beim TuS Harsefeld, dann bei TuS Eiche Bargstedt, wo es damals einen starken Mädchenjahrgang gab. Mit 15 Jahren ging die heute zweifache Mutter nach Tostedt. Beim MTV spielte sie erst in der Regionalliga und schließlich fünf Jahre in der 2. Bundesliga. Aus dieser Zeit stammen viele Pokale. „Die stehen bei meinen Eltern in Kisten verpackt“, gesteht Silke Stieglitz. Irgendwann war die Luft raus, meint sie. Sie brauchte eine Tischtennis-Pause.

Tostedt spielte noch bis 2011 in der Ersten Liga, wurde 2010 sogar Meister. Da dachte Silke Stieglitz noch nicht daran, den Schläger wieder aus dem Keller zu holen. „Irgendwann habe ich mal gesagt, wenn ich bei den Senioren mitspielen kann, fange ich wieder an“, sagt die Harsefelderin. Mit 39 Jahren war es dann so weit. Prompt wurde sie im vergangenen Dezember Senioren-Bezirksmeisterin. Auch wenn es nicht ganz so einfach war, wieder in den Sport hineinzukommen. „Zu meiner aktiven Zeit wurden die Beläge auf dem Schläger noch frischgeklebt“, sagt sie. Mit dieser Technik, bei der kurz vor Spielbeginn ein Gummibelag „schwimmend“ auf den Holzschläger aufgeklebt wurde, konnte das Spieltempo durch den stärkeren Drall des Balles stark erhöht werden. 2008 wurde das Frischkleben auch wegen gesundheitlicher Bedenken durch Lösungsmittel vom Weltverband verboten. Stattdessen gibt es heute andere Beläge, die eine ähnliche Wirkung haben sollen. Wenn Silke Stieglitz jetzt in Harsefeld an der Platte steht, sind ihre Gegner alle Männer. Sie hatte es kurz versucht, einen zweiten Start in einer Damenmannschaft zu unternehmen, aber der Leistungsunterschied in den unteren Klassen war zu groß. Dabei findet Silke Stieglitz gerade diese Klassen attraktiv. In der nächsten Saison dürfte sie bis zur Verbandsliga mit im Herrenbereich spielen. „Am Wochenende hätte ich nicht die Zeit für Punktspiele, aber hier spielen wir abends mitten in der Woche“, erklärt die Mutter, die sonnabends und sonntags gerne mit ihrer Familie zu deren bevorzugten Aktivitäten Eishockey und Handball fährt. Und die Männer in der Spielklasse haben sich inzwischen auch daran gewöhnt, dass zwischen Lars, Matthias und Tobias eine Silke steht, gegen die es alles andere als leicht ist zu gewinnen. Zum einen liegt das an der Erfahrung der Spielerin, zum anderen an einer kleinen Besonderheit: Silke Stieglitz ist Linkshänderin. Das sei schon verwirrend, gesteht die einstige Bundesligaaktive. „Ich kann selbst nicht gut gegen Linkshänder spielen.“ Obwohl es auf den ersten Blick nicht aussieht, als würde an der Platte viel gelaufen werden, wischt sich Silke Stieglitz, noch immer durchtrainiert, mit einem Handtuch den Schweiß aus dem Gesicht. „Es ist Sport“, sagt sie.

Früher, als Spitzensportlerin, hat sie nur mehr trainiert. Das schnellste Rückschlagspiel der Welt, bei dem der Ball auf einer Distanz von oft nur drei Metern Spitzengeschwindigkeiten von 150 Stundenkilometern erreicht, lässt dem Spieler wenige Millisekunden Zeit für den Rückschlag. Schnellkraft, Körperbeherrschung, Ausdauer sind Voraussetzung für einen erfolgreichen Tischtennisspieler. Ein Leistungssportler muss hier schnell sein wie ein Sprinter und strategisch denken wie ein Schachspieler heißt es. Seit 1988 ist Tischtennis olympisch.2,74 Meter lang, gut anderthalb Meter breit und 76 Zentimeter vom Boden entfernt – das ist die Tischtennisplatte, das Spielfeld, an dem rein statistisch gesehen, jeder zweite Deutsche schon einmal versucht hat, bei Rundlauf oder Einzelspiel den weißen oder orangen Ball von heute 40 Millimetern Durchmesser zu treffen. Im Verein wird später je nach Wettkampfart über drei oder vier Gewinnsätze gespielt. Ein Satz wird von dem Spieler gewonnen, der zuerst elf Punkte erzielt hat. Vier Niederlagen hat Silke Stieglitz in der aktuellen Saison kassiert, bei 15 Siegen. Sie kommt langsam wieder in ihren alten Sport hinein. Gerade wurde sie Zweite bei den Landesindividualmeisterschaften der Seniorinnen 40 in Sandkrug. Die nächsten Pokale kündigen sich an. Um Edelmetall geht es der Chemielaborantin aber nicht. Tischtennis hält fit, lässt sich mit zunehmendem Alter spielen und ist als Teamsport gesellig. Das ist der Harsefelderin wie vielen anderen Tischtennisspielern wichtig.

Bericht von Miriam Fehlbus – vielen Dank

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