Weltmeister Steffen Fetzner trumpft in Haddorf auf

STADE. Der Aufstieg in die Tischtennis-Verbandsliga, Niedersachsens höchster Klasse, ist ein Riesenerfolg für den Post SV Stade. Damit einher geht, dass die Mannschaft im vierten Saisonspiel auf einen Weltmeister trifft. Etwas Besonderes für die Spieler.

Vorsitzender des Post SV Stade, regt zwei Tage vor dem Spieltag gegen die zweite Mannschaft des Oldenburger TB an, von der kleinen Halle in Hahle in die größere nach Haddorf umzuziehen. Es kommen schließlich sicherlich mehr Zuschauer als sonst. Gut 30 werden es am Sonnabend dann sein. Zudem hat Wahlen einen Auftrag: Sein Enkel ermahnt ihn, bloß nicht das Autogramm zu vergessen. Die freudige Aufgeregtheit gilt Steffen Fetzner. Der 52-Jährige löste 1989 zusammen mit seinem Partner Jörg Roßkopf einen kleinen Tischtennisboom in Deutschland aus, als sie im Doppel Weltmeister wurden. Es folgten viele weitere Medaillen und deutsche Titel. Weiterer Höhepunkt für das Doppel war die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1992.

Nun steht Fetzner entspannt mit dem Rücken an die Wand gelehnt und beobachtet das Treiben in der Haddorfer Sporthalle. Er unterhält sich. „Ganz umgänglich“, sagt Wahlen, der sich mit dem großen Namen in der Szene auch schon unterhalten hat. Fetzner ist beim Oldenburger TB II an Nummer 1 gesetzt und trifft im ersten Spiel auf die Nummer 2 des Post SV, Frank Mauritius. Mauritius hat mit dem TuS Harsefeld einst in der Regionalliga gespielt, als die noch dritthöchste Klasse war. Ihm wird „ein ganz feines Händchen“ nachgesagt. Torsten Barkow, mit Werder Bremen einst in der 2. Bundesliga aktiv und jetzt Mannschaftsführer des Post SV, sagt nach dem Duell Fetzner gegen Mauritius: „Wenn, dann hätte Frank am besten aussehen können gegen Fetzner. Eigentlich.“ Eigentlich.

Der Angriffsspieler Mauritius erkennt während des ersten Satzes, 5:11, dass „schöne Händchen“ von dem Ex-Profi an. Seine Bälle verfehlen zu oft die Platte oder gehen ins Netz. Die missglückten Schläge nerven, Mauritius gestikuliert anschließend viel, als wollte er den Ball beschwören. Im zweiten Satz, 3:11, regt Mauritius sich bei einem Netzball auf: „Jedes Mal, ich seh’s, kann’s aber nicht packen.“ Direkt an Fetzner gerichtet sagt er: „Ohne Spin.“ Fetzner lächelt. Im dritten Satz, 5:11, ruft Mauritius einem zu langen Angriffsball hinterher: „Der war ja auch Quatsch.“

Nach der Niederlage scherzt Mauritius: „Ich kann nicht mal sagen, dass es am Alter gelegen hat.“ Er ist wie Fetzner 52 Jahre alt. Fetzner sei der bisher stärkste Gegner gewesen, er glaube nicht, dass der Ex-Profi einen Satz abgeben wird während der Saison. „Er ist zu sicher, da kommt man nicht ins Spiel.“

Spitzname: „Speedy“

Fetzner sagt nach dem Spiel, dass er während des Einspielens dachte, es werde schwer. „Da hat er mir die Bälle um die Ohren gehauen.“ Im Spiel macht dann der Spin in den Bällen den großen Unterschied. Fetzners Paradeschlag ist Rückhand Topspin und seine Angabe ist ebenso eine Stärke. „Sie wissen, da kommt ein Ball mit Unterschnitt“, sagt Fetzner, „aber nicht, mit wie viel.“ In der vergangenen Saison hat er nur ein Spiel gemacht. Acht Monate war er an der Hüfte verletzt. Dann kam Corona. „Es macht einfach Spaß, wieder zu spielen“, sagt Fetzner. Druck verspürt er als namhafter Favorit nicht. „Erfolgsdruck hatte ich lange genug, nun ist es nur noch schönes Hobby.“ Er trainiert einmal pro Woche. Beim Oldenburger TB begann er für die Senioren zu spielen. Seit vier Jahren verstärkt er die zweite Mannschaft, sofern er spielen kann. In der ersten Oldenburger Mannschaft, die in der zwei Klassen höheren Regionalliga spielt, würde er vielleicht noch Spiele an der hinteren Position gewinnen. „Die Reaktion und die Schnelligkeit lassen nach“, sagt Fetzner, der als Profi den Spitznamen „Speedy“ hatte. Wegen der kleineren Körpergröße, seiner Schnelligkeit und der Zeichentrickserie „Speedy Gonzales (die schnellste Maus in Mexiko)“.

Nach dem Sieg gegen Mauritius setzt sich Fetzner auf eine der Holzbänke und verschnauft erstmal. Ein Stader Fan fragt nach einem Autogramm und hält ihm seine Tischtennisschläger-Tasche hin. Kein Problem. Er habe die Vorfreude aus Stade registriert, sagt Fetzner. Es wurde nachgefragt, ob er wirklich komme. Das sei schön. Und wie gesagt: Er freut sich einfach, wieder zu spielen.

Tischtennis-Krimi auf hohem Niveau

Nach seinem Spiel sieht Fetzner an derselben Platte einen wahren Tischtennis-Krimi auf hohem Niveau. Stades routinierter Mannschaftskapitän Torsten Barkow trifft auf den erst 14 Jahre alten Justus Lechtenbörger. Der ist im Bundeskader und trifft nun auf einstige Zweitliga-Erfahrung. Die ersten beiden Sätze gewinnt Barkow mit 11:9 und 11:6. Fetzner gibt dem Jungen während der Spielpausen viele Tipps. Lechtenbörger spielt emotional. Nach Siegerschlägen ballt er die Faust und schreit „Pau“. Nach missglückten Aktionen hadert er mit sich und der Situation. Er dreht das Spiel, gewinnt gegen Barkow die Sätze drei und vier mit 11:8 und 11:6. Der Entscheidungssatz muss her. Das Talent hat das Momentum auf seiner Seite. Doch Barkow hat die Erfahrung. Auch wenn er während des Spiels einmal sagt: „Das ist zu viel für mein Alter.“ Die Ballwechsel sind schnell und intensiv. Es geht hin und her im fünften Satz, 7:7, 8:8, 9:9, 10:10, nichts für schwache Nerven. In der Halle ist Leben, lautes Klatschen, Anfeuern. Und dann macht Barkow zwei Punkte zum 12:10-Sieg. Der 14-Jährige ist den Tränen nahe und vergräbt seinen Kopf unterm Handtuch. Barkow sagte schon beim Rückstand im vierten Satz in Richtung seiner zuschauenden Mitspieler, dass das Spiel Spaß mache. Nun sagt er, dass es ein technisch sauberes Spiel war, er wäre nicht traurig gewesen, wenn er verloren hätte. „In einem halben Jahr steckt er mich vielleicht schon in den Sack“, sagt Barkow über das Talent. In diesem Spiel konnte er noch mit seinem Spin zur richtigen Zeit punkten. „Da ist er anfällig.“ Das sagt Barkow auch seinem Mitspieler Jens Schlake, der später gegen Lechtenbörger ranmuss. Dieses Duell zwischen Talent und Erfahrung wird dann fast identisch verlaufen: Schlake gewinnt die ersten beiden Sätze mit 11:9 und 11:5, ehe der 14-Jährige mit 11:6 und 11:9 den fünften Satz erzwingt. Und dort obsiegt die Erfahrung wieder denkbar knapp mit 12:10.

Am Ende verliert der Post SV Stade gegen den klaren Favoriten mit 4:8. Der Vorsitzende Wahlen ist schon zufrieden, nachdem die Stader zwei Spiele für sich entschieden haben. Neben Barkow und Schlake gewinnen die Stader Cyprian Steffens und Julian Kiekel ihre Spiele gegen den Oldenburger Niklas Jabs.

Und dann ist da ja noch Andreas Au, der an eins gesetzte Abwehrspezialist des Post SV. Au muss in seinem zweiten Spiel auch gegen Fetzner antreten. „Das ist schon was Außergewöhnliches“ sagt er. Tipps von Mitspieler Mauritius müsse er sich nicht holen, er könne einfach befreit aufspielen. Der Abwehrspieler verliert dann wie der Angriffsspieler deutlich: 3:11, 3:11, 5:11. Im ersten Satz liegt Au 0:10 zurück. „Geht nix“, sagt er. Und trotzdem war es für den Post SV Stade ein gelungener und besonderer Spieltag.

Quelle und Genehmigung: Buxtehuder Tageblatt vom 06.10.2020

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